Mein persönlicher Weltmeister

Heute morgen hat er wieder mal seine «dummen fünf Minuten». Im Grünstreifen vor dem Chandon ist er herumgehopst, hat Haken geschlagen wie ein Hase, die Richtung abrupt geändert. Richtig ausgelassen und fröhlich war er, er hat über das ganze Gesicht gegrinst. Früher (früher – – –) hat er das öfter getan. Er ist jetzt ein gesetzter Herr, man hat Anstandspflichten in seinem Alter. Aber ab und zu tut er es immer noch. Dann schaue ich ihm zu, mein Blut pulst warm, und ich schlage innerlich Hasenhaken. Hör nie auf zu spielen, der letzte der drei Sätze, die Elli Radinger als Quintessenz aus ihrer lebenslangen Beschäftigung mit Wölfen extrahiert hat, meldet sich kurz und verlöscht grad wieder.

Er schläft jetzt länger.
Er begibt sich früher zur Ruhe.
Er spielt nicht mehr mit jedem anderen Hund.
Wenn ich mit ihm spiele, wird er nach einer gewissen Zeit müde und legt sich hin.
Ich lege mich zu ihm hin und kraule sein Fell
War gut, gell, sagt er. Ja, war sehr gut, sage ich.
Ich bin halt müde, entschuldige, sagt er.
Woher denn, sage ich.
Wir dürfen, wir müssen nicht, sage ich.
Er legt sein Haupt auf meinen Arm, schliesst die Augen und geniesst die Massage.

Kluger Hund.

Ich schaue Filme an von Hundesportveranstaltungen. Manchmal gehe ich an «Turniere» und schaue zu. Klaro: Wir würden jedes Mal disqualifiziert. Er ist nicht so gut in diesen Wettbewerben. Ich bin daran schuld. Ich habe ihn nicht dafür «gezüchtet». Liess zuviel Ungerades gerade sein, als dass ich einen Weltmeister hätte hervorbringen können. Ich schaue zu, wie schnell, hoch und weit die Hunde voranpushen. Ich sehe die Hundeführer und den Schweiss auf ihren Stirnen, die hervorstehenden Adern. Ich höre den Applaus, den der schnellste, beste erhält.

Die Kompetitivität der Gesellschaft spiegelt sich im Sprung, der Drehung des Hundes. Schnell, schnell, wir wollen siegen. Dog-Dancing-Turniere gewinnen nur noch Spezialisten, die hart trainieren. Profitänzer.

Wir beide bewegen uns in einer Amateurwelt.

Er kommt jetzt zurück von den Rehen, wenn ich ihn rufe.
Er läuft so gut Leine, dass ich auf dem Wegstück von den Bisons zurück an den Chandon, auf dem ab und an ein Auto auftaucht, nicht mehr merke, dass er an der Leine ist. Sie hängt durch, und ich schaue mich um, ob er noch da sei. Ja, das ist er: Er schaut mich kurz an. Ich geh doch nicht weg, was denkst du denn, sagt er. Ich passe immer noch auf dich auf, sagt er. Danke, Neruda, kanns gebrauchen.
Es geht nicht mehr so leicht und ansatzlos, ins Auto zu springen.
Er ist nicht mehr so schnell.
Er ist immer noch schnell.
Zu Lande und vor allem im Wasser. Wie ein geölter Otter pfeilt er durch das Wasser des Murtensees, in dem die Strahlen der Herbstsonne auszittern, über sein schwarzes Fell hinweggleiten und sich in seinen warmbraunen Augen spiegeln.

Die Welt erobern wir nicht, halte ich fest.
Das haben wir schon längst getan. Sie gehört immer noch uns. Wir erobern sie jeden Tag, hält er empört entgegen.
Hast ja recht.

Immer noch findet er alle, die einen Puls haben und in denen Blut fliesst, unwiderstehlich. Er kann immer noch wedeln wie ein Weltmeister. Das ganze Gestell wackelt, wenn er wedelt. Ein Weltmeister – – –
In der höchsten und edelsten aller Disziplinen.

Er kann schon sehr viel, der Neruda. Sehr viel.

Er ist der beste Botschafter für die Sache der Hunde, den es überhaupt gibt auf dieser Welt. Und wer, wenn nicht Hunde, brauchen dringend Botschafter?

Und während ich das schreibe, liegt er mir zu Füssen, den Kopf leicht auf meinen Füssen aufgelegt. Er schnärchelt leise. Music in my ears, fällt mir ein – – –
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Ligugegl Teil II




Ligugegl II
(Line isch guet u git e gueti Luun)

Es gibt tatsächlich Hundehalter, die ihre Hunde aus rechtlichen Erwägungen an der Leine führen. Nicht, weil sie durch ein Leinenzwanggebiet (davon gibt es viele)((davon gibt es immer mehr)) pflügen und nicht von irgendeinem Aufpasserli erwischt werden möchten, der ihnen dann wie ein scharfer Hund eine Busse aufbrummt, die sie eben durch vorauseilende Paragraphenerfüllung vermeiden möchten, sondern aus ganz anderen, smarten Überlegungen: Ich Hund Leine, du Hund nicht Leine, mein Hund dein Hund beissen, du schuld, ich fein raus. Das gibts tatsächlich: Solche Paragraphenschlaumeier. Gesetzessmarties. Papperlapappparagraphisten.

Da hätten wir einen weiteren zentralen Grund, wieso Hunde an der Leine gehalten werden: Nein, nicht weil der Besitzer IQ 120+ hätte, sondern weil von dessen Hund gilt: He’s a biting monster!

Anekdote 3
Da war Neruda gerade mal 3 Jahre alt. Der Mann hatte behördliche Auflagen, die da lauteten: Maulkorb und Leine. Sein Boxer kam weit-und-breit-und-auch-ansonsten-führerlos in gestrecktem Galopp angepanzert, keine Anzeichen von Eskalation, er war schon auf der obersten Sprosse der Eskalationsleiter, auf dem Spitzli des Dreiecks, weit entfernt vom Flirt, zmitts im Fight. Neruda hat den Boxer übel zugerichtet, alles voll Blut, der Brustkorb ganz verbissen, und der Besitzer, der dann wie ein Halodri beenden wollte, was gar nicht hätte beginnen dürfen, wurde dann noch von seinem eigenen Hund so stark in die Hand gebissen, dass das Blut schäumte und man das Weisse vom Handknochen sah. Na bravo, alter Schwede, wie es heute im TV heisst. Merke: Diejenigen, die ihre Hunde aus wirklich triftigen rechtlichen Gründen an der Leine halten sollten, foutieren sich oft darum. Und wenn Neruda an der Leine gewesen wäre, hätte ich ihn spätestens dann, als der Boxer sich auf ihn stürzte, losgelassen. Vermutlich schon früher. Paragraph hin, Paragraph her.

Ich verfalle ins Träumen, wenn ich sehe, wie Neruda antritt, wie er schnell wie ein Blitz durch die Wiesen fegt. Wie die Luft stiebt hinter ihm, wie sie wirbelt. Manchmal rennt er um des Rennens willen. Er hat Freude am Rennen, er lacht dann, judihui, ich renne, ich renne, ich renne, der Wind umstreicht meine Flatterohren, er lacht wirklich, ich sehe es jeweils ganz genau, er lacht vor lauter Rennglück – – – Noch schöner ist nur, wenn er durchs Wasser pfeilt, lautlos, elegant wie ein Otter, tiefliegend, pfeilschnell, und die Sonne ist am Aufgehen, und der Murtensee ist noch menschenleer, und das Sonnenlicht bricht sich auf seinen nussbraunen Augen, sie leuchten so hell, und ich schwimme neben ihm, ungelenk und langsam im Vergleich zu ihm, aber so glücklich wie er – – – zwei pflotschnasse Glückliche in der Krähenbucht.

Oh ja, Hunde kennen das Wort Freiheit, sie wissen haargenau, was das ist, wie es sich anfühlt, und wenn sie rennen, sind sie dem, was es ist, ganz nah. Versucht mir das Gegenteil zu beweisen, versucht es doch.

Wer mit einem Hund lebt und sich keine Gedanken über «die Freiheit» macht, über seine und die eigene, sollte keinen Hund halten dürfen. Erlasst ein Gesetz, Behörden, und verbietet Personen, die nicht den geringsten philosophischen Ansatz zu ihrer Hundehaltung haben, das Leben mit Hunden. Erfindet einen Wind, Physiker, der den Menschen solche Gedanken in das Gehirn bläst – – – Was gibt es Schrecklicheres, als ausschliesslich praktische Gedanken zum Hundeanderleinehalten zu haben, zu Hunden überhaupt zu haben, was gibt es Schrecklicheres für die Hunde?

Hunde an der Leine sind nicht unter Kontrolle, sie sind an der Leine. Das ist ein Unterschied. Überlegt es euch gut. Überlegt den Unterschied gut. Er ist fein, er ist klein, aber er ist.

Wenn du einen Hund an der Leine nicht mehr als unnatürlich empfindest, wenn das Bild von diesem Tier an diesem Seil dir gar nicht mehr auffällt, ins Auge sticht, dich wenigstens ins Stocken bringt, wenn du das für das Normalste der Welt hälst, das Angeleintsein, dann – – –

Gerade habe ich wieder Neues erfahren, wunderbare Dinge, die ich noch nicht wusste, über die Sinnesleistungen der Hunde, natürlich die Nase (Pheromone, Allomone, Kairomone), über die Augen, den siebten Sinn, über das grossartige Seelenspektrum der Caniden1 – beweist mir das Gegenteil, beweist mir, dass es nicht so ist – – –

Und dann begegnen mir wieder so Leinenfraktionisten – die Unbeirrbaren; die, die es schon immer wussten, es immer wissen, es immer wissen werden; die, die immer die besseren Argumente auf ihrer Seite zu haben meinen; die, die nur ein müdes Lächeln übrig haben für jene, die anders denken wollen und dabei in weite Gelände geraten, wo nichts gesichert ist; die, die nie, nie, nie den Blickwinkel wechseln, eine andere Perspektive einnehmen – diese armen Tröpfe – – –), die praktischen Grund um praktischen Grund anführen (die ich alle abnicke, ja, ja, ja), herunterbeten, und dann gehe ich mit Neruda an einen Ort, wo es keine solchen Leinenfraktionisten hat, und lasse ihn rennen und rennen und rennen, und lese das Glück auf seinem Gesicht, und er liest mein Glück, das aus seinem heraus entsteht, und er flüstert mir zu: Ich weiss, du würdest mitrennen, wenn du könnntest, ich weiss, dass du es nicht kannst, mach dir nichts draus, ich renne auch für dich, ich renne auch für dich, gelt, wir sind frei, frei, frei – – –

Rennen ist nur ein Platzhalter für «dorthin gehen dürfen, wohin man gehen will» (ich vermied es zu sagen: dorthin zu gehen, wo es einen hinzieht).

Glaubt weiter an das Glück eurer Hunde, Ligugeglisten, ich werde es euch nicht streitig machen und meinen Hund anleinen, wenn ihr kommt, damit ihr glaubt, wir seien alle von derselben Fraktion, aus demselben Holz geschnitzt. Das sind wir nicht. Ich bin aus diesem Holz:

you may not agree, you may not care but
if you are holding this book you should know
that of all sights I love in this world –
and there are plenty – very near the top of
the list is this one: dogs without leashes.2




1 HARE, Brian & WOODS, Vanessa: The genius of dogs: how dogs are smarter than you
think, New York 2013 (Penguin Group)

2 OLIVER, Mary: Thirty-five dog songs, New York 2013 (Penguin Press)




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Ligugegl Teil I

(Line isch guet u git e gueti Luun)

Leinendiskussionen – – – allein das Wort, und schon bin ich müde. Es ist zerkaut, ausgelatscht, lutschmatsch. Aber ich habe – – – ich habe angefangen, also:

Leinendiskussionen werden ruckzuck pädagogisch. Wobei die Vertreter des purreinen Leinendogmas a) in der massiv überwiegenden Mehrzahl sind und b) sich in der Position des Lehrers (manchmal des Rektors, oder des Generals) wähnen. Leine und Schulmeisterei, das sind Schwestern. Oder sagen wir, damit es nicht so ruckzuck tönt: Leine und Erziehung, das sind Nichten, oder Tanten.

«Die Hündin könnte läufig sein.»
«Der Jogger könnte Angst haben.»
«Bei Kindern, jahaa, da weiss man sowieso nie.»
«Der Hund könnte verletzt sein.»

So mache ich innerlich sitzundplatz und rufe brav meinen Hund, resp. meine Hunde. Was in den allerallermeisten Fällen, obwohl Duo, gelingt. Meistens besser als bei der Person, die den Hund, obwohl sie ihn schon an der Leine hat, fast nicht an diese bekommt.

Es gelingt mir auch in 9,7 von 10 Fällen, meinen freilaufenden Flatcoated (Jagdhund, nicht, FCI Gruppe 8, Sektion 1, Standard 121, nur so zur Erinnerung) von freilaufenden Rehen zurückzurufen. In den 0,3 restlichen Fällen ist der Flädi statt 0 bis 8 Sekunden dann 20 bis 30 Sekunden mal weg.

Um das zu erreichen, habe ich zwei Bücher gelesen, in denen es um die Einsamkeit des Hundehalters am Waldrand geht, und die Ratschläge befolgt. Ich habe trainiert. Ich bin mehrmals in den Tierpark Biel-Bözingen gegangen, wo man das eben noch trainieren darf (ein Kränzlein dem Tierpark!), und habe meine Zeiten vor dem Rehgehege verbracht, mit Clicker und Jackpots und Schleppleine. Grad nächste Woche werde ich wieder in den Tierpark gehen, der noch kleine Appenzellersenn Joschi, der noch nicht jagt, soll schliesslich even not thinken about. Der Weg aus dem Kanton Freiburg nach Biel ist mir nicht zu lang dafür. Die Hundehalter mit Hunden, denen die Leine 24/7/365 um den Hals gewachsen ist, sind meistens nicht dazu in der Lage, ihre Hunde von Wild zurückzurufen. «Wissen Sie, meiner jagt.» Soso. Schräger Hund. Das Jagdumorientierungstraining haben diese Hundehalter so stark aufgegeben, dass sie nicht einmal damit angefangen haben.

Da hätten wir schon einmal einen der zentralen Gründe, wieso Hunde an der Leine gehalten werden: He’s chasing the rabbit!

[Ich gebe es zu: Bei Meister Reineke bin ich noch nicht so erfolgreich. Hab ein paar Dinge darüber gelesen, Intragildenaggression und so Sachen. Mich tröstet, dass auch Neruda erfolglos bleibt: Die Füchse sind einfach zu schlau. Das hat auch Neruda gemerkt, noch ein Jahr, und er lässt auch die Füchse ebensolche sein, wetten?].

Wenn er zurückkommt – – – dann rauscht das Oxytocin, und ich deklariere ihm meine Liebe, mit ungelenken Worten und Gesten, während er gekonnt wedelt, mit offenem Fang. Neruda lacht so herzerwärmend – – – schön, und mitreissend.

Anekdote 1
22,5 Meter vor uns (2 Hunde, 1 Sklave) gehen andere (3 Hunde, 1 Herrin), alle 7 unangeleint, hüpf hier, hüpf dort, tandaradei. Meine zwei gehen zu ihren 3. Das Wort, das hier nach meiner Meinung passt, heisst «logo». Die Herrin schnauzt mich an: Appelez vos chiens! Ich zische zurück: Pourquoi pas à l’envers, appelez vos chiens? Sie schaut mich an wie einen Extraterrestrischen. Meine habe ich dann rasch (Jagdpfeife vom Retrieverclub, gestimmt auf 211,5) bei mir, sie ihre nicht, die hüpfen fröhlich weiter, tandaradei. Das Wort, das hier nach meiner Meinung passt, heisst –, nein besser nicht. Fisimatententante. Jetzt ists doch noch jemandem rausgerutscht.

Die Verletzungen und Läufigkeiten erweisen sich dann in den allermeisten Fällen als Gerüpel an der Leine. Schon von weitem sieht man wegen der «Verletzung» oder der «Läufigkeit» Nervosität und Hektik ausbrechen, die man mit Coolness, die aus einem Hut gezaubert wird, der gar nicht auf dem Kopf sitzt, mehr schlecht als recht zu übertünchen versucht. So, tue nid so tumm jetz, probieren sie wie ein Yogalehrer zu sagen, während der Blutdruck in unindische Höhen schiesst und sie den Fletschi an Neruda vorbeireissen, der mich manchmal anschaut, als wollte er sagen: Wo hat der denn Bobo?

Da hätten wir dann einen weiteren der zentralen Gründe, wieso Hunde an der Leine gehalten werden: He’s a little monster!

Nein, ich spreche nicht von der Stadt, von Bahnhöfen und Einkaufszentren.
Nein, ich spreche nicht von Kindergärten und Friedhöfen.
Nicht von Badewiesen, Chüngeliställen, der SBB, Restaurants, Läden, Bushaltestellen, Sportplätzen, Grillplätzen, Hornusserfeldern, Forsthäusern, Openairkonzerten, Bootsanlegestellen, Downhillpisten, Skipisten, Langlaufloipen, Trottoirs, Fussballplätzen etcetera undsoweiter undsofort – all die Orte, die der Homo hominilupus besetzt hält und an denen Hunde immer weniger bis nicht mehr erwünscht sind. [Der Homo hominilupus will unter sich sein, wenn er die Sau rauslässt, er will niemanden und keinen in der Nähe haben, der ihn beim Saurauslassen stören könnte]

Ich spreche von den wenigen Plätzen, an denen Hunde noch frei laufen können. Ich spreche von dem immer weniger werdenden Plätzen, an denen die Hunde noch frei laufen könnten. Es werden Strassen gebaut, Häuser, es werden Zäune gezogen, Verbotstafeln hingestellt.

Es werden Bussen verteilt.
Es werden Köder ausgelegt – – –

Anekdote 2
Jogger und Hunde – der Friedensnobelpreis ist das letzte, woran man bei dieser Kombination denkt. Ein Jogger kommt herangerauscht, bei der Porte de l’Est, römischen Stadtmauern-Überresten bei Avenches/Aventicum. Einer von der schnellen, ganz schnellen Sorte. Einer von denen, die nicht ab und zu am Abend mal herumhötterlen. Es reicht grad knapp, Neruda zu mir zu rufen. Lassen Sie ihn doch, er soll nur frei laufen, ich habe keine Angst vor Hunden, ruft mir der Jogger zu. Ich bin platt. Flunderflach. You made my day, es reicht noch grad knapp für ein Dankeschön schönen Abend noch. Der Jogger winkt sogar freundlich zurück. Später denke ich: Wie weit sind wir gekommen, dass mir so etwas den Tag rettet?

Ich bin froh, «auf dem Land» zu leben. Man sieht «es» noch nicht so eng hier. Noch nicht so leineneng. Aber die Reglementierungen und die Überzeugung «Zur-Seite-hier-komme-ich-ich-ich-alle-weg-los-los-los» kriechen unaufhaltsam vorwärts. Ich weiss wirklich nicht, ob ich in der Stadt noch einen Hund halten möchte.

Gegenüber Leinenfraktionisten komme ich mir manchmal vor wie ein Hund mit einem Elektrohalsband. Ich weiss nie, wann der andere drückt und es mir einen putzt. Ich werde jetzt dann grad bestraft, und weiss nicht wirklich, wofür. So tappe ich vorsichtig, mit geduckten Schultern, durch die Welt, die mir unfreundlich erscheint. Der Prolog aus John Bradshaws Buch «In defence of dogs» kommt mir in den Sinn. Hunde, die streunen, die frei laufen – paradise lost. Vermutlich sagt das mehr aus über die Welt, in der wir leben, als wir denken. Hunde sind Lackmuspapiere der Gesellschaft. Die Leine ist ein Lackmuspapier – – –

Man erzählt mir von einem, der in den Wäldern und Landschaften um Salavaux mit seinem Hund spazieren geht und allen an den wohlgemeinten Karren fährt, die ihren Hund an der Leine führen. Was fällt Ihnen ein, den Hund an der Leine zu führen, lassen Sie in gefälligst los, soll er die Leute anschnauzen. Plötzlich tönts aus den Wäldern zurück, wie in sie hereingerufen wurde. Unangenehm, gell. Die Geschichte gefällt mir. Dem Mann möchte ich mal begegnen – – –

PS: Nein, der Mann bin nicht ich.
PS2: Man hat mir erzählt, dass sein Hund einen perfekten Appell hat. Nicht wie ein Obedience-Weltmeister – sondern eben perfekt. Er trollt sich einszwei zurück. Wie ein Hund, nicht wie ein Rekrut.

***Fortsetzung folgt***
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Gehen. Kommen. Charly, Joschi.

Viele sind gegangen – er ist noch da – – – Auch er muss mit den Verlusten umgehen. Dem never more.

Wenn die Bomben einschlagen, die das Niemehr säen, kommt er zu kurz. Der Blick dreht sich nach innen, während er da draussen steht. An der Seite derer steht, die eine Zeitlang neben sich stehen. An unserer Seite. Harter Regen geht nieder, der Regen perlt über sein Fell, er saugt sich voll damit, aber da steht er – – – 

Als Charly ging (das ist eine Geschichte, die wirklich niederzuschreiben ich noch nicht richtig reif bin), weinte er. Wir haben es ganz genau gesehen: Tränen lösten sich aus seinen Augenwinkeln. Er kratzte hektisch an den Plätzen, an denen der grosse Bruder, der ihm soviel Sicherheit und Geborgenheit gegeben hatte, gelegen war.

Dann hat er übernommen. Nicht das Szepter, das tun Hunde nicht, das liegt Hunden nicht. Er hat sich und uns aufgerappelt. Es geht weiter. Gehen wir weiter. Man muss unterwegs sein. Man muss unterwegs bleiben. Das Rudel muss in die Nacht eintauchen, in den Tag, in den Wald, ins Wasser. Nur bewegliche Rudel sind Rudel. Ja, ich komme, Neruda, ich komme. Die Anpassungsfähigkeit von Hunden – das beeindruckt mich schon. Immer mehr. Wie sie ins Wasser geworfen werden und schwimmen. In Nerudas Fall sogar elegant. So elegant, dass man ins Träumen verfällt – tief im Wasser liegend, mit konsequenten, ausholenden Zügen. Ein sanfter, schneller Pflug – – –

Ein Text über die Jagd und die Jäger würde anstehen.
Ein Text über Hundeschulen.
Ein Text über Coppinger.
Ein Text über die Demonstration in Lausanne gegen das neue Hundegesetz des Kantons Waadt.

Es ist so viel gegangen. Es sind so viele gegangen – – –

Joschi ist gekommen.

Das erste Mal, als wir in Steinen im Kanton Schwyz nach zweieinhalb Stunden Autofahrt vor dem Rütelihof hielten, hüpfte er fröhlich aus der Box. Die Mutter der Welpen und deren Mutter, also die Grossmutter der Welpen, haben ihn heftig gestallt. Du machst keinen einzigen Schritt, verstanden! Keinen, capito! Er stand mucksmäuschenstill zwischen den beiden Hunden, keine einzige Sehne und kein einziger Muskel machten auch nur Pieps, und vermutlich hat er auch nicht mehr geatmet. Er wollte wieder ins Auto, in die Sicherheit. Von dort aus hat er, sichtlich unwohl, beobachtet, wie wir mit den Welpen spielen. Es war heiss, ich habe ihm Wasser gebracht, er hat nur daran genippt. Das zweite Mal durfte er wenigstens atmen. Aber er blieb doch lieber im Auto. Am Wasser hat er wieder nur genippt. Ihm schwante Böses. Richtig glücklich sah er erst aus, als wir wegfuhren. Gelt, der kommt nicht mit?

Beim dritten Mal durften wir Joschi mitnehmen auf einen kleinen Stroll in die Hostet unterhalb des Bauernhofs. Er hat Joschi freundlich beschnuppert, und er liess sich von Joschi freundlich beschnuppern. Die zwei Zweibeiner sind freundlich zu dem kleinen, aufdringlichen – – – Dingsda – dann muss ich es wohl auch sein. Wir sind eine Familie, gelt? Ja, das sind wir, Neruda. Das sind wir. Mach dir keine Sorgen. Er legte sich dann ins Gras, etwas entfernt, und beobachtete die Szenerie, mit dem Kopf auf den Pfoten. Dem Kopf, der ein wenig schwerer war als gewohnt – – – Vom vielen Rauch, der sich darin angesammelt hatte.

Jetzt war er wieder der Philosoph: Er bedachte seine Welt. Er bedachte uns – – –

Er kam zum Schluss, zum klugen Schluss: Ich bin der Onkel. Er ist so herzerwärmend freundlich, so sanft zu dem Kleinen. Der Kleine hängt ihm an den Lefzen, knabbert an ihm mit seinen spitzen Skalpellzähnen, bellt ihm in die Ohren. Er nimmt das hin. Stoisch. Ab und an (seltenst) wird er pädagogisch: Jetzt langts aber, das tut weh. Sobald es Joschi begriffen hat, ist er wieder sanft.

Die Herbstspaziergänge – – – Die Pilze knirschen aus dem Boden und falten auf – – – er geniesst die Herbstspaziergänge in vollen Zügen. Volle Pulle – – – Danke, dass sich nichts geändert hat, danke! Nein, Neruda, es hat sich nichts geändert: Du bist immer noch und immer in mînem Herzen drîn, und verloren sinn die Schlüzzelîn.

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Immer öfter legt er den Kopf auf meine Beine, meinen Kopf, meine Knie. Dann liege ich mucksmäuschenstill, und keine einzige Sehne, kein einziger Muskel machen auch nur Pieps. Alter, schöner, lieber Hund, flüstere ich ihm zu.

Gestern legte ich mir den Satz zurecht: Hunde haben ein edles Gemüt – – – und eine innere Schönheit, die wunderbar glitzert. Als ich mir den Satz und sein Und zurechtlegte, blickte ich die ganze Zeit auf ihn. Und dann beschloss ich: Nein, ich schäme mich nicht für den Satz. Höchstens dafür, dass er zu klein, zu mickrig ist, um Neruda gerecht zu werden. Dafür schäme ich mich. [Die Krux der Schreibenden: I cannot heave my heart into my mouth.] Aber ich arbeite daran, mein Freund. Ich suche nach den Sätzen, die dich, wenn nicht treffen, so dir doch wenigstens nahe kommen. Nahe kommen – – – Das ist es, was uns verbindet, oder? Ja, das ist es – – – Komm, jetzt gehen wir in den Wald, in den tiefen, dunkelen, sicheren Wald, zu den knirschenden Pilzen.
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Er ist gut herausgekommen

Wenn er so neben mir steht geht liegt schnauft – – – dann denke ich zwischendurch manchmal immer öfter fast immer immer: Er ist gut herausgekommen. Er hat keine Trophäen gewonnen, er ist kein Spitzensportlerhund, er gehorcht nicht wie eine Maschine, ich habe ihn nicht «hundertprozentig im Griff». Aber er ist gut herausgekommen. Trotzdem ist er gut herausgekommen. Auch deswegen ist er gut herausgekommen, weil er kein Trophäensammler, keine Maschine sein musste. Es hat mir immer vollauf genügt, wenn und dass er einfach ein Hund war. Ist – – –

Andere haben (haben) Hunde, die sind Schweizermeister, Weltmeister, Sonnensystemmeister, Milchstrassenmeister, die sind so brav und folgen derart aufs Wort, wie es heisst, dass ich fast ein wenig erschrecke, wenn ich sehe, wie sie gehorchend durchs Hundeleben defilieren. Rekruten. Generäle am anderen Ende der Leine. Keine Rede von Kooperation, Teamwork und wie das alles heisst. Da gibt es welche, die führen (führen) Hunde, die sie so gut im Griff haben (im Griff haben), dass ich erschrecke. Diese Hunde laufen nicht selten an der Leine. Die Besitzer (Besitzer) dieser Hunde sind verärgert, wenn man (ich) einen Hund hat (habe), der nicht ebenfalls so gut im Griff gehalten wird, dass er ständig an der Leine gehen muss.

Jetzt ist er grad wieder an der Leine gegangen, ich verbandelt mit ihm, er verbandelt mit mir, während 10 Tagen. Er ging lahm, das Kreuzband, eine Zerrung, die Tierärztin ist sich nicht sicher. Metacam, gegen die Entzündung und die Schmerzen; die Leine, gegen das Abdrücken, Herumtollen, Verschlimmern. Ist ihr Hund böse, fragt mich eine Frau, die ihren Hund wegzieht und an die Leine nimmt, sobald sie uns zwei Verbandelte entdeckt. – – – Er ist nur verletzt. Nur – – – Schon wieder – – – Es ist der freundlichste Hund der Welt, wissen Sie. Er liebt alle Lebewesen, stellen Sie sich das einmal vor. Wirklich, echt: die Liebe. Wenn Sie ihn kennen würden, würden Sie sagen: Ich möchte auch einmal von einem Menschen so geliebt werden wie von diesem Hund. So einer ist er, verstehen Sie. Jawohl, so einer, nur damit Sies wissen.

Böse? So ein Hanebuch, ich bitte Sie – – –

Er ist ein wertvoller Botschafter für die gefährdete Sache der Hunde. In defence of dogs – – –

Gestern kam der Bauernhund von der «Solitude» mit auf den Spaziergang. Die Hündin lief einfach mit. Eine halbe Stunde, dann ging sie zurück. Manchmal tut sie das. Wir waren im Jahr 1891, oder im Jahr 1920. Wir waren in einer Zeit, in der die Sache der Hunde noch nicht derart gefährdet war. Die Sache der Hunde – – – Es war ein schöner Spaziergang. Ohne Leinen.

Er ist vorsichtig mit Kindern, er dosiert genial.
Er jagt keine Biker, keine Jogger.
Wenn ich ihn rufe, kommt er in den allermeisten Fällen zurück.
Immer öfter auch von Rehen.
Er schleckt mir die Hand ab, jeden Morgen. Er kann ja nicht sprechen.
Er kann sprechen.
Er ist bescheiden.
Er ist weder als Weltmeister auf die Welt gekommen (wie heute so viele), noch will er einer werden (wie heute so viele).
Ich bin kein Star, ich will kein Star sein, flüstert er mir ins Ohr.
Wie schön, wie wunderbar, wie wohltuend, flüstere ich in sein Flatterohr zurück.
Er beobachtet mich, er liest mich und verhält sich dann als sorgfältiger Leser.
Ich will einfach mit dir sein, das genügt mir.
Mir auch.
Er tut alles, damit «das Soziale» stimmt. Wirklich alles.

Nein, er ist nicht böse.
Er ist beschämend gut.

Was immer man von einem Hund erwarten soll darf muss kann, er tut ist kann es. Und dann kommt noch dieser leuchtende Himmel, das Glitzern über ihm hinzu – All das, was er darüber hinaus ist, entschuldigung: das Engelhafte. Nehmt es mir nicht weg, bitte, ich glaube das wirklich – – –

Wenn Kinder erwachsen werden, denken Eltern vielleicht: Es war nicht selbstverständlich. Aber es ist gut herausgekommen.

Er ist bei mir, er ist gut herausgekommen.
Das liegt an ihm.
Ich hoffe, es werfe auch ein Licht auf mich.
Ein kleines, warmes Licht.

Am krispen Horizont wehen die kühlen Lüfte der Endlichkeit. Ich kann ihren Atem spüren, ihre kraftvollen, aufgeblähten Backen. Aiolos. Der Sack mit den ungünstigen Winden ist vernäht.

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«Das Glück auf seinem Gesicht spiegelt das Glück auf meinem».

Ich lasse ihn nach zehn Tagen, einmal mehr, von der Leine. Free, sage ich ihm, free. Das Glück auf seinem Gesicht spiegelt das Glück auf meinem. Ganz deutlich – – – Glück im Glück. Die Naht am Windsack hält. Wenn wir nur gut aufpassen. Ich passe auf. Du sowieso, du sowieso.


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